Allein unter Frauen

ALLEIN UNTER FRAUEN

Richard Wilhelm arbeitet als Kinderpfleger im Waldkindergarten in Hildrizhausen und bricht mit Vorurteilen

Ein Mann, der im Kindergarten arbeitet? Bis vor rund 30 Jahren war dieses Szenario in Deutschland praktisch nicht existent. Doch die Zeiten ändern sich: Immer mehr junge Männer wagen sich an den vermeintlichen “Frauenberuf” heran. Einer davon ist Richard Wilhelm: Der Kinderpfleger arbeitet im Hausemer Waldkindergarten.

Der Platz vor der Schutzhütte des Waldkindergartens in Hildrizhausen hat sich an einem trüben Dezembermorgen in eine riesige Matsch-Pfütze verwandelt. Richard Wilhelm steht noch vor der Tür des Holzhauses, gerade haben die letzten Eltern ihre Kinder abgeholt. „Ich finde es toll, den ganzen Tag draußen zu sein. Und wenn ich dabei den Kindern noch etwas mitgeben und sie in eine gute Zukunft schicken kann, dann macht mich das glücklich.“ Der 22-Jährige ist sich sicher, dass er den richtigen Beruf für sich gefunden hat. Den Weg in den Kindergarten fi ndet er über einige Ecken: Denn nach der Schule hat er zunächst vor, Polizist zu werden. Doch eine Schulterverletzung macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Dann kommt er durch die Arbeit seiner Mutter als Tagesmutter auf einen anderen Beruf: Kinderpfleger. 2015 beginnt er seine Ausbildung in Herrenberg. Dort lernt er auch den Umgang mit Kindern bis sechs Jahren, musikalische und künstlerische Angebote für die Kleinen und wie man Elterngespräche führt. Sein erstes Ausbildungsjahr verbrachte er in einem städtischen Kindergarten. Im zweiten verschlug es ihn in den Waldkindergarten nach Hildrizhausen. „Da bin ich dann voll hängengeblieben“, sagt Richard.

Seine Ausbildung an der Hilde-Domin-Schule beginnt er mit 18 Mädchen und 4 anderen Jungs. Nur Richard und ein weiterer Junge machen am Ende den Abschluss. „Die anderen haben entweder die Ausbildung nicht geschaff t oder beschlossen, dass das nichts für sie ist.“ Schlechte Erfahrungen hat er während seiner Ausbildungszeit selten gemacht: „Manchmal war es komisch, wenn beispielsweise in Formularen nur Frauen angesprochen wurden. Dann haben wir schon mal gedacht: Wir sind auch noch da“, erzählt Richard. Die Kinder und ihre Eltern jedenfalls sind froh, dass neben den weiblichen Mitarbeiterinnen auch Männer ihre Kinder betreuen. Roland Beck, ein Landschaftsarchitekt, schaut nämlich auch regelmäßig bei den Kindern vorbei. „Die Kinder durchleben verschiedene Phasen und je nach dem suchen sie sich dann auch ihre Ansprechpartner aus. Manchmal bin das ich und dann sind es wieder meine Kolleginnen.“ Wichtig sei, dass die Kinder eine Wahl hätten. Auch die Tatsache, dass die Kleinen ihre Zeit in einem Umfeld verbringen, in dem verschiedene Perspektiven gefördert und vorgelebt werden, kommt den Kindern zugute.

Doch Richard Wilhelm kennt auch die Herausforderungen eines Berufes, der von vorneherein auf das weibliche Geschlecht getrimmt wurde. So betrachten viele Menschen physischen Kontakt zwischen Männern und Kindern mit kritischem Auge, während sie den zärtlichen Umgang von Frauen mit Kindern als Normalität wahrnehmen. Das musste der Kinderpfl eger am eigenen Leib erfahren: „Als ich in meinem ersten Ausbildungsjahr in einem anderen Kindergarten gearbeitet habe, ist ein Mädchen einfach gerne auf meinem Schoß gesessen. Als die Eltern das mitbekommen haben, ist sie von einem Tag auf den anderen auf Distanz gegangen.“ Während es für Frauen gang und gäbe ist, Kinder auf den Schoß zu nehmen, müssen Männer sich in Vorsicht üben. Doch an was liegt die  nterschiedliche Interpretation männlicher und weiblicher Fürsorge? Richard überlegt, dann sagt er: „Ich denke, dass Männer in unserer Gesellschaft als dominanter und eher übergriffiger dargestellt werden.“ Dies sei eine solch festgefahrene Vorstellung, die nicht auf alle Männer zutreff e und die Schwelle, diesen Beruf zu ergreifen, noch erhöhe.

Nur mit Kindern spielen – ist das überhaupt eine richtige Arbeit?

Auch die geringe soziale Anerkennung sieht der 22-Jährige als Grund, warum nicht mehr Männer den Beruf ergreifen: „Manchmal merkt man schon, dass die Menschen denken, dass wir den ganzen Tag nur mit Kindern spielen und dass das keine richtige Arbeit ist.“ Doch er mahnt an: „Wir setzen hier die Grundlage für die Zukunft der Kinder und versuchen ihnen gemeinsam mit den Eltern einen guten Start ins Leben zu geben. Ich empfinde das als sehr wichtigen Beruf.“ Die geringe soziale Anerkennung des Berufs schlägt sich freilich auch im vergleichsweise geringen Gehalt nieder. Über Jahre hinweg wurden sogenannte „Frauenberufe“ schlechter bezahlt, als diejenigen Jobs, die vorrangig von Männern ausgeübt wurden. Auch hier sieht Richard Wilhelm eine Barriere, die Männern den Einstieg in den
Beruf erschwert.

Doch trotz allem ist Richard Wilhelm in seiner Arbeitsstätte zufrieden: „Ich fühle mich hier im Waldkindergarten sehr wohl.“ Seit nunmehr drei Jahren ist er zu jeder Jahreszeit mit den Kindern draußen in der Natur: „Es ist schön zu sehen, mit welcher Fantasie die Kinder miteinander spielen.“ Auch beim größten Matschwetter tollen die Kids draußen herum – da ist niemand zimperlich. „Wir müssen dann eher aufpassen, dass die Matsch-Situation nicht eskaliert“, sagt Richard Wilhelm, lacht und stürzt sich ins Getümmel.

Text: Melissa Schaich