Wer sich vor dem Metzger ekelt, hat keine Ahnung!

Wer sich vor dem Metzger ekelt, hat keine Ahnung!

“Wer sich vor dem Metzger ekelt, hat keine Ahnung!”

Jochen Schneider erklärt die Faszination des Fleischerhandwerks

Nach der Realschule war für Jochen Schneider klar: „Ich will was bewegen!“ Also machte er kein Abitur, sondern einige Praktika im Handwerk. KfZ-Mechaniker und Werkzeugmacher waren zu seiner Zeit der Renner, aber ihn zog es letztlich zum Beruf des Metzgers, den er durch den Betrieb seiner Eltern kannte.

„Metzger? Igitt!“, mag vielleicht der eine oder andere denken, doch Jochen Schneider sagt: „Menschen, die sich vor unserem Beruf ekeln, haben schlichtweg keine Ahnung. Sie begrenzen unsere Arbeit auf den Schlachtvorgang. Das wäre, als ob der Schreiner nur das Baumfällen als Tätigkeit hätte.“ In der Metzgerei ist kein Tag wie der andere. „Fast täglich müssen wir auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren. Allein die Wetterlage entscheidet über das Sortiment, welches wir herstellen.“ Das Zerlegen des Fleisches ist auch nicht mit ein paar schnellen Schnitten getan. „Wir versuchen mit gekonnten Cuts möglichst viele schöne Fleischstücke zu gewinnen.“ Bis zu 30 Sorten Schinken und 120 Sorten Wurst produziert er in seinem Betrieb täglich frisch.

Bei den Fleischerei-Fachverkäuferinnen geht es dann noch weiter: Zubereitung von Feinkostsalaten, Sülzen, Fleischspießen und mehr. Die Thekenauslage will ansprechend gestaltet sein und die Kunden gut beraten. Jeder will seine persönlichen Tipps haben, wie er sein Fleisch am besten zubereitet, was dazu passt und wie viel Fett da eigentlich drin ist. „Da in unserer Branche Führungskräfte sehr knapp sind, hat man extrem gute Aufstiegschancen“, sagt Schneider, der mit seinem Bruder ein Unternehmen mit 230 Mitarbeitern in 15 Filialen leitet, darunter auch eine im Breuningerland Sindelfingen. Weiterbildungen wie Meister, Verkaufsleiter, Betriebswirt (HWK), Fleischsommelier, Fleischtechniker oder gar Lebensmittel-Ingenieur bringen einen zum Filialleiter, Bezirksleiter, Abteilungsleiter, Betriebsleiter oder natürlich auch zur eigenen Selbstständigkeit. „Theoretisch ist es möglich, dass eine Selbstständigkeit erreicht ist, bevor die meisten Studiengänge abgeschlossen wären.“ Die klassische Ausbildung ist zu unterscheiden in Metzger oder Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk (Fleischerei). Beide Ausbildungen dauern 3 Jahre.

Weil viele Menschen die Vielfalt dieser Berufe nicht sehen, haben zwölf Frauen aus der Branche den Verein „Wir sind anders“ gegründet, um ein neues Image für den Beruf aufzubauen. „Weg von der ‚Groben-Fetten‘ zu dem, was wirklich los ist.“ Eine der Gründerinnen, Agnes Häberle, hat einen außergewöhnlichen Weg zurückgelegt. „Fleißig, freundlich, engagiert hat sie sich so schnell entwickelt, dass sie bereits mit 23 Jahren von mir die Verantwortung als Filialleiterin erhalten hat, in der sie jetzt Chefin von zehn Mitarbeitern ist.“

Die Frauen haben damals mit einem Kalender gezeigt, dass die Fleischerei-Fachverkäuferin jung, dynamisch, freundlich, zielstrebig, fleißig, sympathisch und kompetent ist. „Das hat in unserer Branche für mehr Selbstvertrauen und Stolz für den Beruf gesorgt.“ Wer Interesse am Fleischerhandwerk gefunden hat, dem verrät Jochen Schneider: „Momentan sind für 2019 noch zehn Ausbildungsplätze unbesetzt.“

Foto: Wir sind anders e.V. – Autor: Florian Ladenburger